Seit 150 Jahren ist der Paragraf 218 Teil des Strafgesetzbuches. Seit 150 Jahren werden ungewollt Schwangere für den Abbruch einer Schwangerschaft beschämt, stigmatisiert und bestraft. Das finden wir inakzeptabel und wollen deswegen das Jahr 2021 zum Kampagnenjahr für einen freien, sicheren und legalen Schwangerschaftsabbruch erklären. Genug ist genug – der Paragraf 218 muss endlich raus aus dem Strafgesetzbuch! Wir wollen ein selbstbestimmtes Leben ohne Bevormundung.

Wir sammeln Erfahrungsberichte von Menschen, die bereits einen oder mehrere Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland haben durchführen lassen. Diese Geschichten wollen wir im Rahmen unserer Kampagne im Laufe des Jahres 2021 veröffentlichen. Denn ein Erfahrungsaustausch ist der beste Weg, um Tabus und Stigmata zu brechen. Denn Du bist nicht allein! Jede vierte Frau in Deutschland hatte schon einmal einen Abbruch. Lasst uns gemeinsam das Schweigen brechen! Hier lest Ihr ihre Geschichten.

Erzähl uns Deine Geschichte und teile anderen mit, was Du erlebt hast. Egal ob Du erleichtert oder traurig warst, oder gar nichts empfunden hast: jede Geschichte ist wichtig und wir sind sehr dankbar für jeden einzelnen mutigen Bericht. Wir werden die Geschichten je nach Wunsch natürlich auch 100% anonym veröffentlichen. Schick uns Deinen Bericht mit Angabe von Namen, Alter, Stadt an meinabbruch@sexuelle-selbstbestimmung.de . Dein Text sollte ca. eine  halbe DIN A4 Seite lang sein. 

Wir sammeln: 

  • schriftliche Erfahrungsberichte von gewollt und ungewollt Schwangeren – cis, trans und nichtbinären Personen – die sich entschieden haben, die Schwangerschaft  abzubrechen
  • Abtreibungsgeschichten von euren Müttern, Tanten und Großmüttern – ihr werdet vielleicht überrascht sein, welche Geschichten sich in eurer eigenen Familie schon ereignet haben
  • Geschichten von Menschen, die ihre Meinung über Abbrüche geändert haben
  • gerne auch als kurze Videobotschaften oder mit einem Foto von Euch 

Wenn Du bereit wärst, Deine Geschichte in besonderer Form (als Video, im Interview, mit Foto für Instagram) zu erzählen, teile uns das gerne kurz in Deiner Mail mit, damit wir Dich gegebenenfalls dafür kontaktieren können.

Fällt es Dir schwer, anzufangen? Du musst nicht alles erzählen. Fange klein an. Vielleicht sprichst Du auch erstmal mit eine*r vertrauten Person darüber oder liest Dir Geschichten von anderen Menschen durch, die einen Abbruch hatten. Sei Dir sicher: Du bist nicht allein!

Wir bedanken uns schon im Voraus für Eure Geschichte und Euer Vertrauen! Denkt daran, dass alle Geschichten wichtig und hörenswert sind.

Ich musste aufgrund der Pandemie alleine warten – R. K. (20) Landau in der Pfalz

Im Sommer letzten Jahres wurde ich schwanger, ungewollt. Ich war ziemlich überfordert mit dieser Tatsache, eigentlich war direkt für mich klar, dass ich dieses Kind nicht bekommen will. Trotzdem habe ich mir eine Woche Zeit genommen, darüber nachzudenken, mir über die Situation im Klaren zu werden. Ich habe mit meinem Freund viel darüber geredet, er wollte mich unterstützen, egal, wie ich mich entscheide. Auch meine Mutter unterstützte meine Entscheidung, ihr habe ich erst Bescheid gesagt, als ich mir ganz sicher war, was ich tun will. Zuerst habe ich dann einen Termin bei der Frauenärztin ausgemacht, es wurde sensibel mit mir umgegangen, ganz selbstverständlich über das Thema geredet. Mir wurden Empfehlungen für Abtreibungskliniken gegeben. Ich musste einen Gesprächstermin mit Pro Familia ausmachen, wegen Corona fand dieser per Telefon statt. Ich wurde gefragt, ob ich mich denn schon entschieden hätte. Auf mein Ja wurden nur noch Informationen zu einem Schwangerschaftsabbruch gegeben, welche Methoden es gibt, wo ich einen Termin ausmachen muss, was ich dort mitbringen muss. Der Termin war schnell festgelegt.

Meine Mutter und mein Freund begleiteten mich nach Ludwigshafen zu der Abtreibungsklinik, ich hatte einen chirurgischen Eingriff. Ich musste aufgrund der Pandemie alleine warten und alleine den digitalen Fragebogen ausfüllen, was eigentlich das schlimmste für mich war. Ich wurde durch die Räume der großen Praxis gelotst. Ich war wahrscheinlich die jüngste Patientin vor Ort, soweit ich das beurteilen konnte. Ich wurde zuvor gut aufgeklärt, was mit mir passieren wird. Die größte Angst hatte ich vor meiner ersten Vollnarkose im Leben. Es hat mich ein wenig erschreckt, dass die Eingriffe einer nach dem anderen ohne Pause durchgeführt wurden. In dem Aufwachraum waren mit mir glaube ich fünf Frauen. Ich brauchte lange zum Aufwachen und mir wurde ziemlich schlecht von der Narkose, insgesamt dauerte mein Aufenthalt dort insgesamt ungefähr zwei Stunden. Ich schonte mich die Tage danach. Ich blutete auch noch lange, nur zu Beginn hatte ich allerdings Schmerzen, das legte sich wieder. Es dauerte seine Zeit, bis wieder mein gewohnter Zyklus einsetzte.

Dieses Erlebnis hat mich schon verändert, auch wenn ich zum Glück keine traumatischen Erfahrungen gemacht habe. Ich habe nur meinen zwei engsten Freundinnen davon erzählt und nur mit meinem Freund dieses Thema durch Gespräche aufgearbeitet. Mein Erlebnis des Schwangerschaftsabbruchs hat meine Vorstellung von einem Leben mit Kind erstaunlicherweise stark verstärkt, nur eben zu einem Zeitpunkt, an dem ich dazu bereit bin. Ich bin außerdem nun stark sensibilisiert und habe mich viel mit diesem Thema auseinandergesetzt, welches immer noch sehr viel Aufklärungsarbeit und Veränderung in unserer Gesellschaft benötigt. Pro Choice.

Lasst euch nicht in eurer Entscheidung verunsichern – Victoria (22) Saarbrücken

Ich habe abgetrieben, als ich 15 Jahre jung war, ein paar Wochen vor meinem 16. Geburtstag. Ich habe erst erfahren, dass ich schwanger war, als es schon fast zu spät war für einen Abbruch, das Embryo war schon deutlich erkennbar. Deshalb ging alles recht schnell. Die Wochen vor dieser Erkenntnis ging es mir nicht gut, ich musste mich übergeben, fühlte mich unwohl, habe aber keine Sekunde daran gedacht, dass ich schwanger sein könnte. Erst mein Hausarzt riet mir, eine Gynäkologin aufzusuchen. Es war ein Schock, aber für mich war direkt klar, dass ich nicht mit 16 Mutter werden möchte. Ich wollte mein Abitur machen und danach ins Ausland gehen. Vor dem operativen Abbruch musste ich alleine zu einem Beratungsgespräch, wo sichergestellt werden sollte, dass ich den Abbruch wirklich wollte und nicht dazu gedrängt wurde. Ein Satz, der bei mir hängengeblieben ist, war die Aussage der Frau, die mich beraten hat. Sie sagte zu mir, dass möglicherweise Jahre nach der Abtreibung ein Trauma entstehen könnte und ich erinnere mich, dass ich tatsächlich Jahre danach auch Angst davor hatte. Erst vor kurzem ist mir klar geworden, wie unangebracht diese Aussage war. Ich bereue es keine Sekunde, dass ich mich für den Schwangerschaftsabbruch entschieden habe.

Lasst euch nicht in eurer Entscheidung verunsichern!

Your body, your choice!

Man ließ sie auf der Straße sterben – Adeline (24) Berlin

Meine Familie stammt aus Rumänien. Damals waren Abtreibungen noch strikt untersagt, was jedoch Frauen nicht aufgehalten halt, welche zu haben. Sie fanden illegale Wege. Meine Oma hatte eine — und hatte Glück. Ich weiß nicht, wie es ihr nach dem Eingriff erging, aber sie hat keine bleibenden Schäden davon getragen. Andere Frauen hatten weniger Glück. Diejenigen, bei denen Eingriff zu Komplikationen führte, verwehrte man medizinische Versorgung. Meine Mutter sagte mir, man ließ sie auf der Straße sterben.

Ich finde es erschreckend, dass unser „Abtreibungsrecht“ auf so wackeligen Beinen in Deutschland steht. Es ist mehr Verbot mit Ausnahme, als ein Recht. Es ist beängstigend dass ein paar Worte auf Papier mir verbieten wollen, selbstbestimmt zu entscheiden, was in meinem eigenen Körper vor sich geht. Insbesondere auch noch von Menschen, die körperlich nicht nachempfinden können, was eine ungewollte Schwangerschaft bedeutet.

Sie schlug mir vor, es auszutragen und zur Adoption freizugeben – Elena (27) Regensburg

Ich hatte meinen Abbruch vor vier Jahren. Ich möchte noch dazu sagen, dass ich schon in der 9. Klasse, mit 15, bei einer Umfrage darüber, wie viele Kinder man möchte ( in Sozialkunde), die einzige war, die sich bei „keine Kinder“ meldete. Für mich war das immer klar. Ich dachte, wenn dann würde ich gerne (ich lebte selbst eine Zeit im Heim) eines adoptieren oder zur Pflege nehmen. Ich habe einen schwierigen familiären Background, was meine Entscheidung wahrscheinlich schon früh untermauert hat.

Es war damals mein letzter Arbeitstag vor dem Urlaub. In der Pause telefonierte ich mit einer Freundin, mir war den ganzen Tag über schlecht. Sie bewegte mich dazu, mir einen Schwangerschaftstest zu kaufen, nur zur Beruhigung meinte sie, was ich dann auch tat. Das erste, was ich tat, als ich nach Hause kam, war den Test zu machen. Und zu allem Überfluss dauerte es keine zehn Sekunden, da zeigte er „schwanger“ an. Ich ging aus dem Raum und hoffte, wenn ich zurückkäme, hätte ich mich bloss vertan und der Test wäre negativ. War er aber nicht. Ich rief sofort bei meiner Frauenärztin an und vereinbarte einen Termin.

Als ich am Abend einen damals befreundeten Paar davon erzählte, war deren erste Aussage im Affekt : „Bist du dumm“. Das war mir ein Schlag ins Gesicht. Natürlich musste auch ich zur Beratungsstelle (in einer total konservativen Kleinstadt war der Termin für mich schlicht erniedrigend). Ich erklärte der Frau, dass ich absolut unglücklich über die Schwangerschaft sei, dass es für mich in meiner aktuellen Situation keine Chance gebe, dass ich es behielte. Ich arbeitete als Verkäuferin, lebte allein und hatte auch sonst, familiär, niemanden, der mich bei der Mammutaufgabe „Elternschaft“ unterstützen würde. Sie schlug mir vor, es auszutragen und zur Adoption freizugeben, da würde ich es wenigstens am Leben lassen. Ich war empört. Ich hatte allgemein das Gefühl, ich musste die Frau überzeugen, was ich mit meinem Leben und meinem Körper vorhatte. Das war sehr entwürdigend für mich.

Ich kam mir immer kleiner vor. Ich konnte den Abbruch auch nicht bezahlen, weshalb ich zur Krankenkasse fuhr, um dort noch den Antrag zu stellen. Ich kam mir noch ein Stück mieser vor. Jetzt musste ich dort auch wieder sämtliche Details erklären. Mein Trost damals war meine sehr liebe Frauenärztin, die ich nie im Leben eintauschen würde. Sie gab mir gleich Information, wo ich anrufen könne, um den Abbruch vornehmen zu lassen und gab mir nicht eine Sekunde das Gefühl, ich hätte etwas falsches gemacht. Dann konnte ich GOTTSEIDANK noch kurzfristig einen Termin in Regensburg (Absaugmethode) bekommen. Ich weiß noch, es hieß, der Arzt sei jetzt dann im Urlaub, ich wäre, wenn ich ihn nicht mehr rechtzeitig erreicht hätte leider aus der legalen Frist gefallen und hätte es hier nicht mehr abtreiben können.

Ich fuhr dort mit dem Zug hin und ab da war ich erleichtert, dass die Frist und die Anträge und der ganze Kram erledigt waren und ich nicht mehr befürchten musste, dass ich ungewollt Mutter werden muss, doch es schlich sich natürlich auch diese Angst ein, die man hat, wenn man sich vollkommen klar ist, eine Entscheidung, die für immer gilt, zu treffen. Als ich im Aufwachraum aufwachte, kamen mir die Tränen, auch vor Erleichterung diese Entscheidung getroffen zu haben und alles „hinter mich gebracht zu haben“. Neben mir lag eine Frau, die meine Tränen sah, und nahm meine Hand. Dieser Moment war so rührend, den werde ich nie vergessen.

Ich habe in der Zeit danach oft daran gedacht, wie mein Leben verlaufen wäre mit einem Kind, und mir so oft danach gedacht, welches Glück ich habe, dass ich den Abbruch durchführen lassen konnte. Ich hole mittlerweile mein Abitur nach und freue mich auf meine Zukunft, die ich selbst gestalte. Hätte ich das Kind ausgetragen und behalten, dann hätte ich mich aufgrund der finanziellen und psychischen Lage nicht halb so gut um mich oder das Kind kümmern können. Hätte ich es ausgetragen, hätte ich dem Kind erst Recht keinen Gefallen getan, wenn ich es weggegeben hätte.

Mir tut es weh, wenn Menschen empathielos ihre verachtende Haltung zum Thema Abtreibung deutlich machen. Daran merkt man, dass wir noch ein großes Stück davon entfernt sind, es als „normal“, geschweige denn als „health care“ zu sehen. Insgesamt ist diese Zeit natürlich NICHT gerade mein Lieblingsabschnitt des Lebens und ich werde es bestimmt nicht mehr, weils so toll ist, freiwillig wiederholen, wie es mancher Politiker meint. Frauen haben genauso das Recht ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und dazu gehört VOR ALLEM die Entscheidung, ob man Mutter wird oder nicht.

Mit 15 wurde ich ungewollt schwanger – Sabrina (30) Bremen

Vor einer Woche musste meine Freundin einen Abbruch vornehmen lassen. Es war ihr einfach unmöglich dieses Kind zu bekommen aus medizinischen Gründen. Ihre Erfahrungen unterschieden sich sehr krass von denen die ich gemacht habe. Ich möchte diesen Kontrast hier verdeutlichen. Sie wurde bei dem Erstgespräch sehr überfordert mit Hilfsangeboten, um dieses Kind doch zu bekommen. Dabei war längst klar, dass es wie gesagt, medizinisch und sozial einfach keine Alternative gab. Das hat mich sehr erschrocken, denn danach wurde sie geplagt von einem schlechten Gewissen. Der Abbruch fand in einer gynäkologischen Praxis statt. Der Arzt machte keinen Hehl daraus, was er davon hält. Die beiden stritten sich sogar und er warf ihr vor „sie solle froh sein, andere Frauen würden schließlich viel Geld dafür ausgeben“. Am Ende wurde sie wach in einem Raum, der praktisch tapeziert war mit Babyfotos. Ihre Erfahrung unterscheidet sich extrem von meiner eigenen und ich erkenne heute mein Privileg, mein Glück.

Mit 15 wurde ich ungewollt schwanger (und ja ich wurde miserabel aufgeklärt). Ich wollte nicht dass es jemand herausfindet und habe mich in der nächsten Stadt bei ProFamilia angemeldet für die erste Beratung. Die Beratung war wirklich toll! Sie haben sogar meine finanziellen Angelegenheiten geregelt und respektiert, dass meine Eltern auf keinen Fall Kenntnis darüber erhalten sollen. Der Abbruch fand im selben Haus statt, ein ganzes Team stand bereit. Die Anästhesistin streichelte mir über den Kopf, ich zählte von 10 bis 0 runter, kam bis 6. Als ich aufwachte, fühlte ich mich gut, ich unterhielt mich mit einer anderen Patientin und ging. Ich habe es nie bereut, aber auch erst 3 Personen erzählt. Ich glaube ich bin jetzt soweit meine Erfahrungen zu teilen, denn ich habe gemerkt das es meiner Freundin sehr geholfen hat sich auszutauschen über Ängste, Stigma und auch die Erleichterung …und ich glaube genau diesen Punkt möchten viele nicht hören.

Leider fanden meine Eltern es doch raus, nachdem sie mein Zimmer durchwühlt haben. Ich wurde dafür bestraft und durfte keine Musik mehr machen mit meiner Band, meinen Freund nicht mehr sehen uvm. Gleichzeitig konnte ich ihnen nicht sagen, was los ist. Es hat einfach alles kaputt gemacht. Ich habe heute noch schwere Vertrauensprobleme, denn die Unterlagen zum Abbruch waren extrem gut versteckt.

Es war einfach unwürdig, schmierig und schmuddelig – Marion, Berlin

Ich selber kann nicht über einen Abbruch reden, hatte „nur „eine Fehlgeburt. Habe aber in den 70er Jahren meine kleine Schwester zu drei Abbrüchen nach Holland gefahren und wieder zurück. Das waren keine Ausflüge – wir sprachen wenig und zurück war die Stimmung von Angst (ums eigene Leben) Schuld und Zweifeln und auch Verzweiflung geprägt. Zwei Freundinnen in Berlin habe ich zu einem Arzt am Wittenbergplatz gefahren – dessen Adresse wurde in Frauenkreisen unter der Hand gehandelt– und es war einfach unwürdig, schmierig und schmuddelig. In einem Fall hörte meine Kollegin gar nicht auf zu bluten und ich habe sie gleich in die Frauenklinik in der Pulsstraße in Charlottenburg gefahren. Da wusste man schon ohne viel Worte was passiert war und wer den Abbruch vorgenommen hat. Wir wurden sehr unfreundlich – als nur aufs Leben bedachte und Rettende versorgt und behandelt. Nach drei Tagen musste ich sie wieder mit nach Hause nehmen – in meine Obhut – da sie als Suizid verdächtig eingestuft wurde – Ich wurde ihr Vormund für kurze Zeit. Der Vater des Kindes war verheiratet und ihr Chef – als Frau hatte man da gar keine Chance. Wir haben uns danach aus den Augen verloren. Viel später im Leben sahen wir uns nochmal – sie war gut verheiratet, hatte zwei Kinder – Wohlstandsleben – wir sprachen nie wieder ein Wort darüber. Viele schwiegen auch in den Ehen.

Es ist auch nichts was man mit Bravour erzählt – keine Frau macht das aus Spass, es ist immer mit viel Leid verbunden – egal ob legal oder illegal. Der Schmerz liegt bei uns Frauen. Meine Schwester hat fünfmal geheiratet und die vierten Schwangerschaft musste sie laut ihres Arztes austragen. Das Kind habe ich mit groß gezogen. Das ist alles so lange her – viele Frauen machen das noch heute durch – ich mag gar nicht an die Polinnen denken, die gerade kämpfen! Ich kann meine kleine Schwester nicht fragen, ob sie ihre Geschichte erzählen möchte – sie ist manisch- depressiv und lebt in einer betreuten Einrichtung – die Betreuung habe ich an die Tochter abgegeben – da ich noch eine andere Schwester (inzwischen verstorben) und eine Freundin betreue. Mir auch der persönliche Zugang zu ihr fehlte und fehlt – diese Zeit hat uns nicht verbunden. Mich aber in meinem Widerstand zu dem §218 bestärkt.

In der gleichen Zeit kämpfte ich auch für und mit meinem schwulem Lebensfreund und vielen schwulen Freunden und Kollegen (die fast alle an Aids starben) gegen den §175. Die, die überlebt haben, sind sogar miteinander verheiratet. Auch das haben wir geschafft. Kämpfen lohnt sich immer. Es dauert nur manchmal und es gibt Rückschläge – aber niemals aufgeben!

Egal wie du dich entscheidest, du bist damit nicht allein – Lisbeth (28), Leipzig

Ich war 22 und gerade erst in die Stadt zum Studieren gekommen, als ich diesen Mann kennen lernte und ungewollt schwanger wurde. Ich war sehr überfordert. Was tun und wozu mich entscheiden? Ein guter Freund und ich machten eine Pro- und Contra-Liste um zu sammeln, was für und was gegen ein Kind sprach. Es sprach vieles dagegen, doch ich war mir unsicher, ob ich tatsächlich das Kind abtreiben lassen könnte. Ich wollte schließlich später einmal Kinder, nur eben nicht zu diesem Zeitpunkt und unter diesen Bedingungen. Im Internet versuchte ich mich zu informieren, habe jedoch schnell gemerkt, welche Haltung und Wertung auf vielen Seiten mitschwang. Dass ein Kind nicht auszutragen, sondern die Schwangerschaft abzubrechen, Mord sei. Null hilfreich in einer Situation, in der ich einfach nur medizinische Informationen brauchte und die vielen Fragen beantwortet haben wollte…

Ich bemerkte also schnell, dass ich dort keine Entscheidungshilfe bekam. Ich rief weinend meine Eltern an, erzählte was passiert war. Sie boten mir direkt an mich abzuholen. Ich fuhr dann schließlich zeitnah selbstständig in die Heimat. Bei einem Gespräch mit ihnen besprachen wir die Situation. Sie sagten zwar, dass sie mir empfehlen würden, das Kind nicht zu bekommen, dies jedoch meine Entscheidung sei und sie mich immer unterstützen würden. Das hat mir wahnsinnig geholfen und war extrem wichtig zu hören. Mein Vater fuhr mich schließlich zu dem Beratungstermin bei ProFamilia, wo sich die Entscheidung festigte, die Schwangerschaft abzubrechen. ProFamilia gab mir auch den Kontakt zu der Ärzt*innenpraxis, die operative Schwangerschaftsabbrüche ausführte und ich bekam schnell einen Termin. Mit meiner Mutter fuhr ich dann in die Praxis, wo mir in einem kleinen operativen Eingriff unter Vollnarkose die befruchtete Eizelle abgesaugt wurde.

Ich blieb ca. 10 Tage bei meinen Eltern, erholte mich von dem Eingriff und hatte Gelegenheit alles zu sortieren. In der Zeit hatte ich ausgesprochen plastische Träume und schrieb alles in ein Buch. Rückblickend hat mir das gut getan. Ab und an lese ich die Zeilen, häufig habe ich aber nicht das Bedürfnis. Mit meiner Entscheidung bin ich zufrieden. Es war in diesem Moment und unter diesen Umständen die richtige Entscheidung für mich und für mein Leben. Nun bin ich 28 Jahre und freue mich schon langsam darauf, irgendwann in den kommenden Jahren eine Familie zu gründen. Ich finde es wichtig, dass wir Frauen* darüber sprechen. Im näheren Umfeld konnte ich schon zwei weitere Frauen* unterstützen, die ebenfalls vor dieser Entscheidung standen. Ich denke es hilft ungemein, wenn die schwangere Person mit Menschen darüber sprechen kann, die ebenfalls schon einmal in einer solchen Situation waren. Und dass man im Internet endlich die Informationen erhält, die für den Prozess der Entscheidung notwendig zu wissen sind! Und, dass man Menschen um sich hat, die einen zu nichts drängen und deutlich sagen: “Egal wie du dich entscheidest, du bist damit nicht allein“. 

Großen Dank und Küsschen an dieser Stelle an meine großartigen Eltern und Freunde. Ihr rockt! <3

Ich war so sauer, ich wollte sie anklagen – Anonym

Nach 6 Monaten fester Beziehung (Frühling 2017), kam das Bedürfnis auf für 1) ein komdomloses Sexleben und 2) ein kinderloses Sexleben. Bevor wir den Schritt gingen, ist ein Kondom geplatzt, am nächsten Morgen bin ich sofort zur Frauenärztin gegangen, die mir die „Pille danach“ vorschlagen wollte. Ich hatte mich eher für eine Kupferspirale entschieden, weil ich auf Hormone verzichten wollte und am besten gleich die Gelegenheit nutzen wollte, um eine langfristige und eigentlich sichere Verhütung zu haben. Die Frauenärtzin meinte, sie hätte noch nie eine Spirale als Notverhütung verwendet, aber war sich sicher, dass es nicht allzu problematisch wäre. Natürlich tat es mega weh, weil sie sie nicht richtig ansetzen konnte. Nach einer Stunde Qual, die Spirale war drin und fest und Termin beendet, ich wieder zu Hause. Natürlich haben wir die Zeit danach besonders genossen, sorgen- und kondomfrei so oft und so guten Sex zu haben! Das war absolut großartig. Wir haben uns dann auf die neue Ära gefreut! Problem war: Ich bekam meine Tage nicht. Ich dachte, vielleicht hat die Spirale meinen Zyklus durcheinander gebracht. Aber nachdem ich mein Abendessen der Kloschüssel gespendet habe, wollte ich zur Sicherheit einen Schwangerschaftstest machen, der natürlich positiv war.

Weil wir auch nicht so lange zusammen waren, war es klar, dass wir beide nicht bereit für eine Familie waren. Wir sind zusammen dann zur Ärztin gefahren, die ganz überrascht war mich zu sehen. „Ihr Kontrolltermin ist erst in 2 Wochen.“ – „Ja, ich weiß, ich bin aber wohl schwanger.“ Ärztin guckte sich alles an und zeigte auf dem Ultraschall-Bildschirm und bestätigte die Schwangerschaft und erklärte, so ganz casual, ja, das passiert wohl manchmal, dass Frauen die Spiral im ersten Zyklus raus“pressen“. Ok, gut, es mir jetzt zu erzählen ist ein bisschen so wie Salz in die Wunde zu schmieren, eine solche Info wäre beim anlegen der Spirale aber wesentlich nutzvoller gewesen. Zuerst hatte sie beim Termin vergessen, mir die schräg herausgerutschter Spirale zu entnehmen (ohne den Hinweis von meinem Freund, hätte sie die wahrscheinlich drin gelassen!), dann sagte sie mir, während ich schockiert mit breiten Beinen da lag, dass es doch ein tolles Zeichen ist, dass die Maschine funktioniert und dass wir uns über unsere Kompatibilität freuen sollten. Ohne mich jemals über meine Entscheidung zu fragen, ob ich die Schwangerschaft überhaupt durchführen will, machte sie mit mir einen Termin zur Kontrolle aus – den ich nie wahrgenommen habe. Die Frau habe ich nie wieder gesehen. Sie ist nie auf die Idee gekommen, dass ihr Versäumnis mir eine ungewollte Schwangerschaft verursacht hatte – obwohl ich ihr nur einen Monat früher explizit erzählt hatte, wie wichtig es mir zu diesem Zeitpunkt war, kein Kind zu kriegen (Arbeitslosigkeit, Vater frisch gestorben, Mutter an Krebs schwerst krank, keine feste Wohnung und eine sehr frische Beziehung, die sich erst mit der Zeit als stabil erwiesen hat. Mit 6 Monaten war ich mir nicht so sicher).

Hab einen Beratungstermin in Prenzlauer Berg bekommen, obwohl ich ALLES über Abbrüche gelesen hatte, aber ich wusste, ohne diesen Termin kann ich keinen Abbruch machen. Die Beraterin hat mir zugehört und mir drei Ärzte vorgeschlagen. Aus den drei habe ich mich für die einzige Frau entschieden. Der Termin bei ihr war unkompliziert und total tabufrei, ich habe mich da sehr wohl gefühlt. Ich war zu diesem Zeitpunkt so sauer auf die erste Frauenärztin, ich wollte sie anklagen, weil sie mich nicht gewarnt hatte, dass ich vielleicht im ersten Zyklus noch aufpassen musste oder so, aber die neue Ärtzin hat davon abgeraten. Außerdem ist die erste Ärztin im selben Jahr in Rente gegangen…

Der Abbruch hat dann stattgefunden, nach dem ich als Arbeitslose noch bei der Krankenkasse einen Kostenübernahmeantrag machen musste, weil ich keine 400€ dafür hatte – ich konnte gerade so meine Miete zahlen. Aber für den Eingriff habe ich am Endeffekt 100€ bezahlt: 75€ für die Narkose und 25€ für die Bettwäsche in der Frauenarztpraxis. Einigen Tage nach dem Abbruch, habe ich aus absoluter Not einen Job als Buchverkäuferin am Kirchentag angenommen. Da ich noch Schmerzen hatte (und mir vor dem langen Stehen abgeraten wurde), wurde ich an einem Büchertisch hingestellt und durfte dann sitzen. Den Grund meiner Schmerzen habe ich natürlich keinen Christen verraten. Einer der Verkäufer hatte den Livestream einer gleichgeschlechtlichen Ehe sehr stark kritisiert, ich hatte meine Vermutung, wie deren Meinung zur Abtreibung sein würde. Auf jeden Fall war ich von einer Frau besonders irritiert, mir war ihr Gesicht bekannt, konnte sie aber null wieder einordnen, bis sie zum Tisch kam, mich wiedererkannte und mich fragte, wie es mir ging. Es war die Assistentin der Frauenärztin, die mit ihrem christlichen orangenen Schal zur einer Abendveranstaltung vom Kirchentag gehen wollte.

Ich als Französin, dachte in (damals) 2017, Frau*en sind frei, selbstbestimmt und müssen sich nicht dem gesellschaftlichen Familienzwang beugen. Aber wenigen Monate danach kamen all die Prozesse gegen Frauenärztinnen und Frauenärzte, die Abbrüche durchführen. Ich habe mich damals sofort verbündet, zu Demos gegangen, meiner Mitbewohnerin, einer Journalistin, meiner Geschichte erzählt und veröffentlichen lassen, ich bin sogar Jahre später zum Ausschuß für Recht und Verbraucherschutz gegangen, am 18.02.2019. Und ich glaube, die ganze Zeit war ich nur erschrocken, wie die Gesellschaft und wie die Politik mit der Thematik umgeht. Ich dachte, es geht doch niemanden an, wie ich meinen Körper einsetze, was soll das? An diesem Zeitpunkt ist mir klar geworden, wie unfassbar realitätsfern Deutschland Frau*en behandeln. Ich wurde online von Männern beschimpft, beleidigt und mein Name im Netz ploppte überall in Kommentarspalten zu Artikeln über Schwangerschaftsabbrüche auf. Ich konnte gleichzeitig nirgendwo im Netz eine nützliche Information über die Zeit nach der Abtreibung (ab wann kann ich rauchen, trinken oder was weiß ich) und habe nur Frauenhass gefunden, Menschen (aber eigentlich hauptsächlich Männern), die Frau*en verantwortlich für ihre Situation machen und sogar ihr noch Schuld dafür geben! Mir wurde unterstellt, ich wäre der Beweis dafür, dass Frauen sich über die Konsequenzen keine Gedanken machen würden. Und ich dachte: doch! Zwischen eine Abtreibung und einen Kind, habe ich mich entschieden! Weil ich eben an die Konsequenzen gedacht habe und ich war nun mal null in der Lage, mich um einem Kind zu kümmern!

Ich bin zutiefst sauer, dass die deutsche Politik und die deutsche Gesellschaft SO VIEL Zeit, Energie und Geld darein investierten, Frau*en  zu kontrollieren, ihre Selbstbestimmung kriminalisieren und der Meinung von Fundamentalisten viel zu viel Gewicht geben. Es ist unglaublich frustrierend, wie unbedeutend die Frauenrechte in Deutschland sind und wie wenig Preis sie in der Politik haben. Für unsere Zeiten ist es skandalös, dass Deutschland so regressiv ist und ich finde es skandalös, dass so viele Mitbürger*innen auch einfach passiv zuschauen…

Ich hatte riesige Angst, dass ich schwanger bleiben musste – Elle (27), Rostock

Medikamentöser Schwangerschaftsabbruch

Bis zu meinem Schwangerschaftsabbruch war mir nicht klar, wie schlecht ich darüber informiert war. Nach mehreren positiven Tests musste ich handeln – ich wollte auf keinen Fall Mutter werden. Ich wusste wirklich wenig darüber, was jetzt zu tun war und las mir ein paar Dinge durch. Währenddessen ging es mir immer schlechter. Ich habe alle möglichen Informationen gefunden – außer die wichtigste: Wenn du ungewollt schwanger bist, musst du auf keinen Fall ein Kind bekommen! Ich habe mich abhängig gefühlt von allen Personen, denen ich jetzt zwangsläufig begegnen musste: Der Gynäkologin und ihrem Team und der Beraterin in der Schwangerschaftskonfliktberatungsstelle. Also habe ich die Stationen abgearbeitet. In meinem schwangeren Körper habe ich mich nicht wohl gefühlt. Ich identifiziere mich nicht mit einer Schwangeren – oder Mutterrolle und auch mein Partner möchte kein Vater sein – zum Glück! Ich hatte von Anfang an einen Verbündeten, der mich zu allen Terminen begleitete, Verständnis hatte und mich auffing. Ich hätte es vermutlich auch alleine geschafft, aber die Emotionen und Erfahrungen und auch die Verantwortung zu teilen, war einfach eine große Hilfe. Ich hatte riesige Angst, dass ich schwanger bleiben musste – aber nach ein paar Tagen war ich wieder ich selbst. Ich kann immer noch kaum glauben, wie gut aufgehoben ich mich bei meiner Gynäkologin und der Beraterin in der Schwangerschaftskonfliktberatungsstelle gefühlt habe – ich habe das schlimmste erwartet und die angenehmste Betreuung bekommen. Nun weiß ich: Diese Personen glauben mir und glauben wie ich an ein Recht auf Abtreibung.

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